Ein letztes Glas im Steh'n

Di, 26. Jan. 2016

Wein, Weib und auch ein wenig Gesang – eine leicht erhitzte Ode auf die Laster von früher im garstiggrauen Januarloch

Wann wurde die vierte industrielle Revolution eingeläutet? Exakt am 25. September 1974 durch die beiden Amerikaner Jack Johnstone und Don Shanahan. Zwei Computer-Ingenieure, könnte man denken, die einen speziellen Prozessor entwickelt haben. Doch waren Johnstone und Shanahan die Organisatoren des ersten Triathlons, im sonnigen San Diego an der Küste Kaliforniens. Mit Verzögerung ist die Fitness- und Extremsportwelle auch hier angekommen. Mittlerweile haben selbst CEO's von KMU-Unternehmungen ihre Golfausrüstung verkauft (den Tennisschläger von 1980 braucht ihre albanische Putzfrau als Teppichklopfer) und streben mit 20-Stunden-Trainingspensen pro Woche die Teilnahme beim Ironman auf Hawaii an; meine Grosstante nimmt immerhin noch am Halbmarathon rund um den Hallwilersee teil. Das geht natürlich nicht ohne Kompromisse und Einschränkungen. Wenn Sie wie ich ebenfalls schon nach dem Genuss einer Magnumflasche Krutzler Perwolff und einer wilden Liebesnacht am Morgen darauf mit dem Mountainbike auf den Bantiger gesprintet sind, wissen Sie, was ich meine: Spätestens auf der Höhe des «Alpenblick» Ferenberg holt Sie die Geschichte und das Jüngste Gericht ein. Und weil wir lernfähig sind, handeln wir entsprechend. In die Handtasche kommt nur noch der Evian-«Gutter» mit dem Sportcap. Und im Büro machen wir einen Bogen um die Kaffeemaschine und scheibeln stattdessen «munzige» Stücke von ​der Ingwerwurzel ins Teewasser. Mit der wilden Liebesnacht müssen Sie mir übrigens gar nicht mehr erst kommen, buchstäblich nicht (hihi). Sex ist massiv überschätzt und spielt nur noch in Revolverblättern eine Rolle, das wird Ihnen heute jeder Paartherapeut und Psychoanalytiker bestätigen.

«‹Nun die Pasteten und den roten Neuenburger›, rief er»
Das wäre alles gut und recht, wenn uns in Erinnerung an frühere Zeiten nicht immer wieder die Wehmut packen und nichts und niemand leiden würde. Leider ist das Gegenteil der Fall. Nehmen wir zum Beispiel die zeitgenössische Literaturszene dieses Landes. Bis und mit Friedrich Dürrenmatt (der allerletzte Verfechter, ein Nachzügler sozusagen war ​ vielleicht Hugo Loetscher, gestorben 2009) wurde an den Schreibtischen noch getrunken und geraucht, der Pfarrerssohn stand auf ultraschwere BordeauxWeine und anstrengende Fleischgerichte, die ohne den anschliessenden Genuss von gebrannten Wassern gar nicht erst verdaut werden konnten (als Nennwert empfehlen wir Ihnen die Lektüre des Festmahls in «Der Richter und sein Henker»). Wenn ich heute in die mageren und verhärmten Gesichter der aktuellen Autoren vom Kaliber Lukas Bärfuss schaue, beginne ich augenblicklich zu weinen. Hunger und Durst machen zornig und ungeduldig. Vor allem killen sie die Fantasie. Dass keine Geschichten entstehen können, die ihren Namen verdienen, ist klar, wenn sich im Bauch bloss Dorsch und eine Gabel Wildreis befinden. Das Opulente und das Ausschweifende, das wir in den Büchern suchen, es liegt an den Stränden von San Diego, im Bundesamt für Gesundheit und im Wartezimmer des Diätarztes. Wobei wir trotzdem immer dicker werden, dies ist dann noch die teuflische Seite dieser Entwicklung.
Nehmen Sie die populäre Unterhaltungsmusik. Fragen Sie einmal André Béchir, welche Speisen und Getränke sich die Bands von heute wünschen und vergleichen Sie die Informationen mit einschlägigen Quellen von gestern, etwa dem Buch «Exile on Main St.: Ein höllischer Sommer mit den Rolling Stones» von Robert Greenfield. Und Sie brauchen gar nicht so weit zurückzugehen. Noch in den 80er-Jahren waren Exzesse und Entgleisungen die Regel, nicht die Ausnahme. Eine solch irre und tatsächlich geistesgestörte Platte wie «Welcome to the Pleasuredome» (Frankie Goes To Hollywood, 1984, Doppelalbum) wäre 2016 schlichtweg unmöglich und Falco hätte ohne Weisswein und Neuschnee aus Kolumbien keine Zeile aufs Blatt gebracht (vor 30 Jahren erschien mit «Emotional» das vielleicht beste Album des Wiener Sängers). Die Mär mit den Schäden und Spätfolgen dürfen Sie übrigens ebenfalls in Ihrer bauchigen Tabakpfeife rauchen. Nicht nur Iggy Pop, sondern auch die alle mehrmals totgesagten Jimmy Somerville, Boy George und sogar Holly Johnson leben noch. Räubergeschichten dieser Art dienen nur dazu, den Kindern Angst zu machen und sie früh ins Bett zu kriegen. Trotzdem treffen sie sich dann heimlich mit dem Nachbarsjungen vom Typus «Ich bin der, vor dem dich deine Eltern immer gewarnt haben» und schlafen womöglich mit den falschen Frauen.
Oder nehmen Sie ein äusserst naheliegendes Beispiel. Mancher Zeitungsverleger verzweifelt daran, dass seine Kaufprodukte nicht mehr auf enorme Gegenliebe stossen, die früher treuen Konsumenten flüchten ins Internet und/ oder in Gratisangebote hinein. Nun kann er zwei Dinge tun. Entweder wortreich diesen Umstand beklagen und raffinierte Erziehungsmassnahmen aushecken. Oder er fragt sich, ob nicht vielleicht Gründe vorliegen, dass der Zuspruch abnimmt. Ich freue mich in der Zwischenzeit schon darauf, dass Roboter bald zusammen sprechen und für mich arbeiten. Ich werde dann das Grossraumbüro, die Excel-Tabellen und die Tasklisten unbeobachtet verlassen können und in der Eckkneipe ein Glas Rotwein bestellen.


Gut zu wissen

HUGH HEFNER, der Gastgeber der Damen im grossen Bild auf dieser Seite, möchte gerne seine legendäre Playboy Mansion in den Holmby Hills bei Los Angeles verkaufen. Die Verhandlungssumme beträgt 200 Millionen US-Dollars, das Anwesen wurde 1927 vom Architekten Arthur R. Kelly erbaut und umfasst 29 Zimmer, in der Aussenzone befinden sich Tennisplätze, Pools und die berühmte Grotte. Die Playboy Mansion ist das einzige Anwesen in ganz Kalifornien, das über eine private Zoolizenz verfügt, und das einzige in Los Angeles, von dem aus auch ausserhalb der Silvesternacht Feuerwerk gezündet werden darf. PALM SPRINGS war vor allem in den 70er-Jahren ein Eldorado für Stars (im Bild unten Frank Sinatra und Dean Martin beim Golfen), diente selber als Filmkulisse (im Bild unten Sean Connery und Trina Parks in einer Drehpause von «Diamonds Are Forever», erschienen 1971) und erfährt aktuell wieder einen Aufschwung als Zweitwohnsitz. «YOU GOTTA SAY YES TO ANOTHER EXCESS», der Titelslogan dieser Seite, war auch der Name des dritten YelloAlbums aus dem Jahre 1983.

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